So ist es tatsächlich:
Wie klingt Stellenbosch?...
Studentische Klänge in Südafrika: Flipflops, Braai und Bücher. Von Jörg Marquardt,
Austauschstudent der Literatur und Philosophie an der Universität Stellenbosch.
Klack-klack-klack. Das ist der Sound von Stellenbosch. Keine treibenden afrikanischen Rhythmen, sondern das gleichmäßige klack-klack auf Gehwegen und Uni-Fluren, auf dem Campus und im Supermarkt, in der Bibliothek und im Treppenhaus, drinnen wie draußen. Denn Flipflops, jene badeschuhähnlichen Gummisandalen mit dem unverwechselbaren klack-Klang, gehören gewissermaßen zur Grundausstattung südafrikanischer Studenten. Okay, der Flipflopträger an sich ist eine weltweit verbreitete Spezies, aber in Südafrika gilt er darüber hinaus als uneingeschränkt salonfähig. Kein Stirnrunzeln, kein Aufschrei der Empörung, wenn eine so beschuhte Studentin auf die Bühne schlurft, um dem Konzertpianisten einen Blumenstrauß zu überreichen. Schon drängt sich die Vermutung auf, das Studium an der Universität von Stellenbosch sei ebenso zwanglos wie das Outfit ihrer Studenten. Welch ein Irrtum! Das Arbeitspensum ist hoch, das Zeitmanagement rigide. Jede Woche muss man längere Arbeiten vorlegen, und Argusaugen wachen über das Einhalten von Deadlines. Die Universität versteht sich als knowledge partner und spornt dazu an, die akademische Ausbildung mit Siebenmeilenstiefeln zu durchqueren.
Haben die Studiosi ihr Semester-Soll erfüllt, nehmen sie Reißaus. Bestimmungsort: Hotelkette Mama & Papa. Dann fällt die Uni-Stadt in einen tiefen Dornröschenschlaf. Stellenbosch war noch nicht wieder erwacht, als ich Ende Juni 2004 zum ersten Mal die neue Umgebung erkundete: verlassene Straßen, Totenstille, verriegelte Geschäfte, leere Cafes. Es fehlten nur noch die klassischen Grasballen, die ein staubiger Wind vor sich hertreibt, um das Westernszenario zu vervollständigen. Dann, zwei Wochen später, reibe ich mir die staunenden Augen, denn auf dem Campus und auf den Straßen wimmelt es von Studenten. Wo sind die so schnell hergekommen? In Kneipen und Clubs herrscht plötzlich Ausgelassenheit, in den Vorgärten beginnt die Braaisaison (‘Braai’ ist Afrikaans fürs Grillen), schöne Mädchen machen schönen Jungs schöne Augen, Bier und Wein füllen Glas um Glas, noch sind die Prüfungen fern, noch gibt es wichtigere Dinge. Man studiert ja nicht umsonst in einem weltbekannten Weinanbauzentrum.
Fünf Stockwerke über dem Trubel und Lärm der Straße, im wuchtig aufragenden Arts Building liegt das German Department. Breite Fensterfronten geben den Blick frei auf das atemberaubende Bergpanorama und die ihm vorgelagerte Stadt.Weiß leuchten in der Sonne die Fassaden der kapholländischen Häuser, Eichen stehen im vollen Laub, es grünt an allen Ecken und Enden. Doch Zeit, diese Aussicht zu genießen, ist den Dozenten hier oben nicht beschieden:
Professorin Carlotta von Maltzan, die einzige Lehrstuhlinhaberin für deutsche Literatur in Südafrika, und ihre drei KollegInnen unterrichten fast 300 Studierende. Damit beheimatet Stellenbosch die größte Germanistik des Landes. Die Qualität der Lehre ist hervorragend und braucht den Vergleich mit Deutschland in punkto Engagement, Sachkenntnis und Aktualität nicht zu scheuen.
In diesem Semester besuche ich ein Seminar zur deutschen Exilliteratur. Von meinen Kommilitonen ist keiner in Deutschland aufgewachsen, und für die meisten ist Deutsch die zweite oder dritte Fremdsprache. Deshalb erscheint mir unser Seminar wie das entschiedene JA auf die Leitfrage “Literatur und Sprache - Transnational?”, die einer kürzlich in Stellenbosch abgehaltenen Tagung des Germanistenverbandes im Südlichen Afrika vorangestellt war. Wer Stellenbosch nicht nur von seiner afrikaansen Seite kennen lernen will, dem empfiehlt sich ein Besuch des Townships Kayamandi. Mein persönlicher Tipp: das Restaurant „Ubuntu Taste“, wo die Studenten Bongi und Lamla traditionelle afrikanische Speisen ihrer Xhosa-Kultur servieren. Ubuntu bedeutet so viel wie ‚Menschlichkeit’ und ist mittlerweile zum Synonym für eine afrikanische Philosophie des Aufeinander-Angewiesen- Seins geworden. Um Menschlichkeit von seiner kulinarischen Seite kennen zu lernen, schreibe man den Küchenchefs von „Ubuntu Taste“ einfach eine E-Mail: ubuntuc@hotmail.com. Und wer die beiden musikalisch unterstützen will, sollte zuvor an einem Montagabend in den „Belgian Beer Pub“ (im Einkaufszentrum „Eikestad Mall“) gehen und sich in die Kunst des Trommelns einweihen lassen.
Mein Aufenthalt in Stellenbosch geht mit großen Schritten dem Ende zu. Bald kommt der Herbst nach Südafrika. Spürbar kälter wird es, und bald schon friert man in den Wohnungen, weil es keine Zentralheizung gibt. Der Herbst ist zwar längst nicht so ungemütlich wie in Deutschland, bringt aber gleichwohl Regen. Und je mehr es regnet, je kälter es wird, umso leiser wird auch das klack-klack der Flipflops, ehe es im Schuhschrank verstummt. Was stülpt man sich stattdessen über den Fuß? Gummistiefel, quietschgelbe, dezent blaue, rote mit Tupfern, weiße ohne Tupfer, grüngestreift und motivbedruckt. Ein neuer Trend? Ein neuer Sound? Wir werden es hören.
Stellenbosch University
Department of Modern Foreign Languages
www.sun.ac.za/forlang

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